Aus der Elbe Jeetzel Zeitung
14. Mai 2008
Vom Dorfleben im Wendland
Burghard
Kulow erzählt Geschichten und zeigt Fotos aus den Jahren von
1900
bis
1950
by. Lüchow. Es war seine Mutter Lydia, eine geborene Grebien
aus Grabow, die eines Tages damit begann, die Geschichte ihrer Familie und was
sie im Wendland erlebten, aufzuschreiben eigentlich nur für die Kinder und die
Verwandtschaft. Was dabei zusammenkam, erstaunte ihren Sohn Burghard Kulow
derart, dass er die Internet-Seite "www.damals-im-Wendland" aufbaute und
zunächst mit dem familiären Wissen fütterte.
Er dachte sich, dass es nicht nur aus seiner Familie viel zu erzählen gäbe, um
das Bild vom Alltagsleben im Wendland zu ergänzen und dass man - das Internet
macht es möglich - all diese persönlichen Geschichten und historischen Fotos
zusammentragen könnte.
Die Resonanz war groß, viele Menschen - auffällig viele wurden hier zwar
geboren, leben längst woanders, sogar in Brasilien oder Kanada und hüten ihre
wendländische Geschichte - , meldeten sich bei Kulow und stellten ihm weiteres
Material zur Verfügung. Und so wuchs' und wuchs die Internet-Seite.
Für alle, die kein Internet haben oder überhaupt lieber noch in Büchern stöbern,
hat Burghard Kulow nun ein Buch verfasst. Es heißt wie die Seite im Internet
"Damals im Wendland" und enthält kurze Geschichten und viele Fotos vom Dorfleben
zwischen Elbe und Drawehn. Erschienen ist es in der "edition limosa" bei
Agrimedia in Clenze und kostet 24,90 Euro.
Kulow ist 1951 in Grabow geboren, wollte nach dem Abitur raus aus dem Landkreis
und ist im Schwarzwald als Wildpflanzen-Gärtner hängengeblieben, mittlerweile
lebt er wieder in Lüchow. Seine Geschichten und Fotos aus dem Wendland in der
ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat er chronologisch geordnet. Er
erzählt von Hochzeiten und leidvollem Lehrerleben, von Jamelner Bauern, die sich
an den Kaiser wenden, weil sie nicht Ackerland zugunsten der Bahntrasse opfern
wollen, vom Wirtschaften mit Kriegsgefangenen, von Hausgeburten ohne Hebamme,
wachsendem Verkehr und Hochbetrieb auf Bahnhöfen, von Aussteigern und Obstsaft
aus Pevestorf, vom Alltag mit Todesnachrichten während des zweiten Weltkriegs.
Und von den Stammtischen Ende 1949, wo man alles wieder so haben will, wie es
einst, also vor dem Krieg, war, überliefert Kulow folgende Position: "Um Gottes
Willen keine Industrie nach Lüchow! Denk bloß mal an Wustrow damals. Dann kommt
wieder dieses Kommunistenpack. Nein, wer in der Industrie arbeiten will, soll
hier wegziehen".
Hauptreiz dieser Geschichten ist allerdings, dass man beim Lesen immer wieder
auf Menschen trifft, die man schon in früheren Kapiteln kennengelernt hat, etwa
den Lehrer Adolf Tribian oder auch die Familie Kraul aus Jameln, von den
Grebiens ganz zu schweigen. Kulow zeigt so auch Beziehungen und soziale
Netzwerke auf.
Burghard Kulow hat die Arbeit an dem Buch auch klar gemacht, was die Wendländer
meinten, wenn sie sich damals und rückblickend auf die 30er Jahre als
"unpolitisch" bezeichneten. Gemeint war damit vielmehr, "dass sie nicht links,
nicht Opposition, sondern undemokratisch waren". Und völlig neu für ihn war, wie
anders, nämlich aufgeschlossener und auch weltoffener, es in den Dörfer an der
Elbe im Vergleich zu den Dörfern im inneren Wendland zuging.